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The Delines: The Set Up (Review)
| Artist: | The Delines |
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| Album: | The Set Up |
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| Medium: | CD/LP/LP+CD/Download/Limitiert | |
| Stil: | Americana, Singer-Songwriter, Soul, Country-Pop, Jazz, Folkrock |
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| Label: | Decor Records | |
| Spieldauer: | 38:05 | |
| Erschienen: | 06.03.2026 | |
| Website: | [Link] |
Ob nun Lorraine, Nancy und Maureen aus dem DELINES-Album "Mr. Luck & Ms. Doom" (2025), oder aber Diane, Bonnie, Howard und Pearl vom aktuellen "The Set Up": Das Einfühlungsvermögen des großen Songwriters Willy Vlautin (59) für seine fiktiven, dabei sehr lebensnahen (und zumeist weiblichen) Helden/Antihelden ist grenzenlos. Wie niemand sonst - außer vielleicht seine Vorbilder Bruce Springsteen und Tom Waits - kann der renommierte Romanautor aus Portland/Oregon in einem drei- bis vierminütigen Lied eine komplexe, emotionale Short-Story von der Kehrseite des "Amerikanischen Traums" (ja, den gab's wohl mal irgendwann) erzählen, inklusive empathischer Figurenzeichnung und ambitioniertem Spannungsbogen. Dass die Musik dazu, ein cineastischer Mix aus Americana, Soul, Folkrock und Jazz, gekrönt von einer der schönsten Stimmen des US-Pop, ebenfalls fantastisch ist, versteht sich da fast von selbst.
Amy Boone heißt die Sängerin, deren Frontfrau-Präsenz den Sound und die Faszinationskraft von THE DELINES mindestens ebenso prägt wie Vlautins literarisch wertvolle Texte, die superben Arrangements von Keyboarder/Trompeter Cory Gray und die Produktionskünste von John Morgan Askew. Als Vlautin vor rund 15 Jahren einen Live-Auftritt Boones sah, wusste er: Dies muss die Stimme meiner künftigen Band, dies muss die Interpretin meiner Lieder sein. Er selbst trat als Sänger, der er mit seiner vorherigen Americana-Band Richmond Fontaine auch gewesen war, in die zweite Reihe zurück - und die DELINES waren geboren.
14 Jahre ist das jetzt her, und der Erfolg dieses ungewöhnlichen fünfköpfigen Ensembles reifer, lebensweiser Menschen ist seither stetig gewachsen (nach den schon immer überzeugten Kritikern zuletzt zum Glück auch in kommerzieller Hinsicht). "Mr. Luck & Ms. Doom" wurde voriges Jahr in ausverkauften europäischen Clubs aufgeführt und tauchte in etlichen Bestenlisten auf. Der Nachfolger "The Set Up" wird das Ende 2026 wohl ebenfalls schaffen - auch wenn das Album diesmal nicht ganz so perfekt und "rund" (mehr Spoken Word und Instrumentals, ein bisschen weniger Opulenz) und vielleicht gerade deshalb noch etwas trauriger klingt. "Als wir die Platte fertiggestellt hatten, wurde uns klar, dass 'The Set Up' die eigensinnige, fehlgeleitete und einsame Schwester von 'Mr. Luck & Ms. Doom' war. Rauer und unvollendeter, aber in voller Cinemascope-Ästhetik der DELINES", wird Vlautin von seinem langjährigen Label Decor zitiert.
Trotz der überraschend zügigen Veröffentlichung des nunmehr sechsten DELINES-Studioalbums seit 2014 ist dies alles Andere als eine Resterampe. Wieder liefert jeder Liedtext eine Geschichte vom Rand der amerikanischen Gesellschaft, über die Vergessenen, die Beladenenen, die kleinen Gauner und Outlaws dieses inzwischen ziemlich kaputten Riesenlandes. Die Szenerie des Openers und Titelsongs ist typisch für Vlautins Erzählweise, die einem gerade wegen ihrer Lakonie Tränen in die Augen treiben kann: "I have this friend Harold and/His girlfriend Pearl/Last month they set fire to a half-built/Hotel in Fayetteville/It was crazy, flames just shooting out and/Pigeons flying for their lives/But no one got hurt/Because there was no one around..."
Das anschließende "Can You Get Me Out Of Phoenix?" ist ähnlich herzzerreißend traurig. Wer Vlautin-Romane wie "The Motel Life" (2006), die bereits verfilmten "Lean On Pete" (2010) und "The Night Always Comes" (2021) oder "The Horse" (2024) gelesen hat, kennt diese freilich völlig kitschfreie Melancholie rund um entwurzelte Menschen, die einfach nur weg wollen aus ihrem bisherigen Leben. Tracks wie "Jumping Off In Madras", "Getting Out Of The Ward" oder "The Last Time I Saw Her" sind daher auch mehr als nur instrumentaler Füllstoff, sondern liefern atmosphärische Untermalungen von Vlautins oft mit John Steinbeck verglichener Gratwanderung zwischen hartem Realismus und Sonnenuntergangsromantik.
Insgesamt zwölf neue DELINES-Stücke, teilweise "Schwesterlieder" mit textlichen Überschneidungen zum Vorgänger, enthält "The Set Up"; Darunter eine Art A-Cappella-Song ("Dilaudid Diane"), einige der schönsten Mitternachts-Jazz-Balladen überhaupt in Vlautins Richmond Fontaine/Delines-Karriere der vergangenen 30 Jahre ("Keep The Shades Down", "The Reckless Life", "Walking With His Sleeves Down"), fingerschnippender Country-Soul ("The Meter Keeps Ticking") und von Amy Boone mit warmer Stimme erzählte Geschichten ("The Set Up (Part 3)").
Zurück zu Lorraine, Nancy und Maureen, zu Diane, Bonnie, Howard und Pearl, den ganz normalen, mit ihrem tristen Alltag kämpfenden Protagonisten dieser beiden DELINES-Platten . Es sind immer wieder "Drogenabhängige, Betrüger und Verlorene" der bemitleidenswerten Sorte, betont Vlautin selbst. In einem Q&A-Beitrag des UK-Musikmagazins "Uncut" (Februar 2026) wurde der Autor gefragt, welche seiner Song-Charaktere ihm besonders am Herzen liegen. "Oh Mann, das ist schwer", sagte der US-Amerikaner, der die Anziehungskraft und das Monströse von Donald Trump dank seiner profunden Menschenkenntnis besser erklären kann als die meisten anderen seiner Landsleute. "Ich mag sie in unterschiedlicher Weise. (...) Ich habe sie alle als meine Kumpels angelegt - weil ich doch verrückt wäre, mich jahrelang zum Schreiben in einem Raum einsperren, und dann käme ein Serienkiller dabei heraus."
In einem Interview von Musikreviews-Autor Ullrich Maurer antwortete Vlautin auf die Frage, ob es Absicht war, "The Set Up" als eine Art Soundtrack mit Hörspiel-Charakter zu formatieren: "Ja, ich bin von dieser Idee geradezu besessen. Als meine Frau im Krankenhaus lag, hat sie viel Instrumentalmusik gehört. Ich höre meine Spaghetti-Western-Sammlung jeden Tag. Ich war schon von Soundtracks und atmosphärischer Musik besessen, seit ich ein kleines Kind war. Das hängt damit zusammen, dass ich immer schon Welten erschaffen wollte. Das Größte, was passieren kann, wenn du eine Scheibe auflegst, ist, dass du plötzlich nicht mehr in deinem Alltagsleben, deinem Job und denselben Sachen, die du jeden Tag siehst, gefangen bist. Du kannst der Realität so entfliehen. Was ich mit den Delines immer erreichen wollte, war Musik zu machen, die wie ein Soundtrack klingt, in dem du dich verlieren kannst."
Im besten Falle, und das ist bei "Mr. Luck & Ms. Doom" ebenso der Fall wie bei "The Set Up", gehen Vlautins Cinemascope-Musik und seine mit vielen Preisen ausgezeichnete Literatur enge Verbindungen ein. Während das 2025er DELINES-Album mit dem Buch "The Horse" korrespondierte, ist es diesmal der Anfang Mai (also zwei Monate nach "The Set Up") erscheinende Roman "The Left And The Lucky". Wer so ein Gesamtkunstwerk zu schätzen weiß, findet bei Rough Trade eine Special Vinyl Edition inklusive 13-Track-CD "The Left And The Lucky Soundtrack" von Vlautin/Gray. Das Buch dreht sich um Menschen wie Eddie, Curtis, Marlene und Russell - und wird vom Verlag Faber & Faber so angekündigt: "The moving, large-hearted story of a young boy in danger of slipping through society's cracks and the unlikely father figure who takes him under his wing." Das hört sich für DELINES-Fans doch irgendwie vertraut an.
FAZIT: Wie eine musikalische Entsprechung zu einem Terrence-Malick-Film funktioniert auch dieses wunderbare neue Album von THE DELINES, das nur deswegen keine höhere Wertung als 13/15 erhält, weil es das noch etwas überwältigendere "Mr. Luck & Ms. Doom" schon gibt. Der Singer-Songwriter Willy Vlautin ist mit diesen beiden Platten als Erzähler von Geschichten rund um den gescheiterten "American Dream" auf der Höhe von Bruce Springsteen und Tom Waits angelangt. Besser kann man das nicht machen.
- 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
- 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
- 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
- 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
- 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
- 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
- The Set Up (Part 1)
- Can You Get Me Out Of Phoenix?
- Jumping Off In Madras
- Dilaudid Diane
- Keep The Shades Down
- Getting Out Of The Ward
- The Set Up (Part 2)
- The Reckless Life
- Walking With His Sleeves Down
- The Meter Keeps Ticking
- The Set Up (Part 3)
- The Last Time I Saw Her
- Bass - Freddy Trujillo
- Gesang - Amy Boone, Willy Vlautin, Freddy Trujillo, Sean Oldham
- Gitarre - Willy Vlautin, John Morgan Askew
- Keys - Cory Gray, Amy Boone
- Schlagzeug - Sean Oldham, Mark Powers
- Sonstige - Cory Gray (Trompete), Collin Oldham (Cello), Noah Bernstein (Saxophon)
- Sea Drift (2022) - 13/15 Punkten
- Sea Drift – Vinyl Version (2022) - 14/15 Punkten
- Mr. Luck & Ms. Doom (2025) - 14/15 Punkten
- The Set Up (2026) - 13/15 Punkten
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