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Interview mit Glittertind (01.01.2014)

Glittertind

Die Norweger GLITTERTIND spucken jenen Griesgramen in die selbst eingebrockte Suppe, die selbige mit der Besserwisserei versalzen, dass früher alles besser gewesen und jegliche Aufbruchstimmung verloren sei. Dem ist nicht so – und wer dem neuen Album „Djevelsvart“ sein Gehör schenkt, der mag sich einige Schichten an Schmalz aus seinen Lauschern kratzen, denn was darauf an Folk, Rock und Metal im weitesten Sinne vermengt wird, ist bemerkenswert und hat das Potential, Musikliebhaber verschiedener Generationen zu begeistern. Bandgründer Torbjørn Sandvik konnte in der turbulenten Vorweihnachtszeit einige Augenblicke erübrigen, um die eine oder andere ungewöhnliche Kontur im Unterholz der wilden Melodien und mitunter grimmigen Geschichten dahinter näher in Betracht zu nehmen.

Zunächst einmal möchte ich Euch meinen Dank für eines der zweifelsohne stärksten Folk-Rock-Metal-Alben der letzten Jahre aussprechen! In meinen Troll-Ohren klingt „Djevelsvart“ auf wundersame Weise lebendig, inspirierend und ermutigend; Euch gelingt es wirklich, das Beste einiger inspirierender Bands in einer eigenen Herangehensweise weiter zu entwickeln, und zwar überraschend konsequent! Glaubt Ihr, dass es nun an der Zeit ist, möglichst viele Bühnen zu erobern?

Vielen Dank! Ja, wir sind endlich als nunmehr vollzählige Band bereit, die Bühnen und die Welt zu erobern. Wir wollen wirklich endlich herauskommen und unsere Musik zum Besten geben. Kürzlich haben wir einen Vertrag mit einer großartigen norwegischen Agentur abgeschlossen, die uns im kommenden Sommer auf einige Festivals hieven möchte. Das wird aufregend!

Ich muss zugeben, dass ich Eure Musik vor „Djevelsvart“ allenfalls am Rande wahrgenommen habe. Euer neues Album klingt nun wie das Resultat eines langen Selbstfindungsprozesses, der sicher nicht immer ganz leicht von der Hand ging. Wenn ich es richtig verstanden habe, seid Ihr ja erst in den letzten drei bis vier Jahren zu einer Band zusammen gewachsen, daher kann ich mir vorstellen, wie glücklich Ihr wohl seid, das Album endlich an den Mann zu bringen… wie viele Dämonen mussten unterwegs abgewehrt werden und wie fühlt es sich für Euch heute an?

Wir haben drei Jahre auf die Produktion verwandt, indem wir immer wieder Arrangements und Ideen verbessert haben, um dem Album eine durchweg hohe Qualität zu verleihen. Zudem habe ich mir Zeit gelassen, um mich in den richtigen Stimmungen an die Texte zu setzen und meine Seele darein fließen zu lassen. Wenn man dabei einen wahrhaftigen Anspruch verfolgt, kostet es einfach Zeit.
Jetzt fühlt es sich umwerfend gut an, ganz so, als ob wir endlich aus dem Tunnel ans Licht kommen! So ist das mit jeder Dunkelheit in der Arbeit: solange du an dem festhältst, was du machst, wirst du wieder ans Licht finden…

Wie Du bemerkt haben könntest, sind gehirnamputierte Metal-Schreiber schnell mit oberflächlichen Vergleichen bei der Hand, um Bands in Kategorien zu drücken. Nun würde ich in Eurem Fall dennoch Garmarna, Lumsk, Folque, Solefald und Finntroll erwähnen; allerdings nicht zur Begrenzung, sondern eher zur Andeutung Eures facettenreichen und eigenständigen Folk-Klangbilds. Aus welchen Wurzeln nährt sich Eure Musik und nehmt Ihr Euch überhaupt als Folk-Musiker wahr?

In meiner Jugend habe ich viele Bands wie Finntroll, Dropkick Murphys, Garmarna und traditionale Folque Musik gehört. Ich habe in einigen Punk- und Metal-Bands mein Unwesen getrieben, während Geirmund wiederum in klassischer Musik und Jazz sozialisiert wurde. Er arbeitet als Komponist an Film- und Fernseh-Soundtracks. Daraus ergeben sich zahlreiche verschiedene Einflüsse, die wir nicht mit dem Ziel verbinden, wie jemand anderes zu klingen. Wir gehen das auch nicht so bewusst an. Wir versuchen, Musik aus unseren Herzen erklingen zu lassen und unseren Gefühlen zu vertrauen. Stefan, der bei uns Flöte spielt, hat wohl am ehesten einen Folk-Musik-Hintergrund. Er hat einigen Unterricht in Folk-Musik genossen und ist wirklich außergewöhnlich. Hört euch zum Beispiel das Lied „Nymåne” mit dieser wunderschönen Melodie an – die hat er geschrieben.

Was bedeutet „Folk“ für Euch im Hinblick auf Musik, Texte und Konzerte?

Für mich hängt der Begriff „Folk“ mit einer ganzen Bandbreite an Gefühlen und Stimmungen zusammen, wie auch mit Tradition und einer historischen Verbindung. Musikalisch gesehen stehen die Verwendung traditionaler Instrumente und der Folk-Melodien im Vordergrund. Was die Konzerte anbelangt, so glaube ich nicht, dass sie sich grundlegend von denen anderer Bands unterscheiden: wir versuchen auch, eine ansprechende Show zu liefern, wobei uns natürlich mehr Instrumente zur Verfügung stehen als einer herkömmlichen Rock-Band.

Euer Song „Kvilelaus“ ist ein super Argument, um Vergleiche hintan zu stellen: was für ein Atem raubendes Stück! Welche Ruhelosigkeit hat dazu geführt?

Als ich dieses Lied geschrieben habe, hatte ich das Gefühl, dass ich keinen Mittelpunkt oder ein Bewusstsein von mir selbst habe. Ich hatte auch nicht den Eindruck, dass ich mich auf dem richtigen Lebensweg befinde, daher drehten sich meine Gedanken im Kreis. Ich begann, darüber zu lesen und fand heraus, dass diese Seelenzustände von Zeit zu Zeit im Leben eines jeden auftauchen. Und dann habe ich einen Song darüber geschrieben: eine Art Diagnose des modernen Menschen auf der Suche nach sich selbst und dem Gefühl, seinem wahren Ich näher zu kommen.

Ich habe gelesen, dass dieser Song im Landesradio gespielt wird, was mich daran erinnert, dass solche Musik bei den großen deutschen Sendern keine Chance hätte… welche Reaktionen habt Ihr schon erhalten und fühlt Ich Euch in dieser Hinsicht privilegiert, in Norwegen zu leben?

Wir sind hier sehr glücklich! Der größte Radio-Sender in Norwegen wird von einigen phantastischen Leuten betrieben, die wirklich versuchen, den Hörern neue qualitative Musik anzubieten. Sie spielen auch Mainstream-orientierte Musik, haben aber ein Herz für Idealisten am Rande. Wir sind also noch nicht im Räderwerk der Kommerzialisierung angekommen und ich hoffe, das wird auch nie der Fall sein.
Die Reaktionen auf unser Lied und unser neues Album sind wirklich großartig. In zahlreichen Lokalzeitungen bekamen wir fünf von sechs Punkten und das größte norwegische Metal-Magazin hat „Djevelsvart“ zum Album des Monats gekürt und ihm sechs von sechs Punkten verliehen. Mehr konnten wir nicht erhoffen!

Das Lied „Sprekk for sol“ habt Ihr einem GLITTERTIND-Fan gewidmet, der bei dem Terror auf Utøya ums Leben kam. Solch ein Gewaltverbrechen kann ein Gefühl von überwältigender Hilflosigkeit und daran anschließend Rachegedanken nach sich ziehen, sowie zu sozialem Rückzug und Vorurteilen gegen bestimmte Menschen (häufig Minderheiten) führen. Aus der Ferne hatte ich den Eindruck, dass viele Norweger diese negativen Effekte vermeiden und sich für Freiheit und Respekt stark machen wollen, was mich sehr beeindruckt hat. Kann Euer Lied in diesem Sinne verstanden werden, also dass Ihr das Unmögliche möglich macht und aus einem extrem deprimierenden Schlag etwas Starkes erschafft? (Nebenbei: das Lied ist sehr schön und rührend geworden, selbst als jemand, der Norwegisch nicht spricht, hatte ich bereits beim ersten Hören das Gefühl, dass Ihr da etwas sehr Bedeutungsvolles transportiert.)

Wow, danke! Ideologien, die auf Hass aufbauen, sind die falschen Reaktionen auf Wirtschaftskrisen, dem Verlust von zwischenmenschlichen Kontakten und zunehmender Bedeutungslosigkeit. Der Song richtet sich an alle Menschen, die das Gefühl haben, allein auf einer Insel zu leben, zu ihrem „Stamm der Menschen“ zurückzukehren, und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Es ist ebenfalls ein Aufruf, dass diejenigen, die andere in Extremismus abdriften sehen, sich für sie stark machen und versuchen, sie wieder in die menschliche Gemeinschaft zu führen. Davon abgesehen ist es ein Hard-Rock-Song und Torjus mochte Hard Rock und GLITTERTIND. Wir wollen mit diesem Lied an die Werte dieses mutigen und phantastischen Menschen erinnern, und es ist wichtig, dass wir Torjus‘ Mission fortsetzen, um eine inklusive und sozial gerechte Gesellschaft zu ermöglichen und den Aufstieg von Extremismus und aus Bedeutungsverlust geborenem Hass zu verhindern.

Hat der Terror-Anschlag Deine Idee von Politik in Musik verändert?

Nein, wir haben seit 2005 klar gemacht, dass wir politisch links orientiert sind. Ehrenhafte Werte sind es wert, verteidigt zu werden, und Künstler befinden sich in einer besonderen Position, denn sie können einem größeren Publikum Bedeutung vermitteln. Das ist eine große Verantwortung, die wir ernst nehmen.

Das Album-Cover wurde von Linda K. Røed gemalt, deren Phantasie offensichtlich tiefe norwegische Wurzeln hat und ab und zu schwarzhumorige Purzelbäume schlägt… lag es für Dich auf der Hand, mit ihr zu arbeiten und wie zufrieden bist Du mit dem Cover und seiner inspirierenden Atmosphäre?

Wir haben Linda auf dem Karmøygeddon Festival kennengelernt, einem der größten norwegischen Metal-Festivals. Sie hatte dort eine Ausstellung und wir haben uns angefreundet. Es lag also in der Natur der Sache, dass wir sie gefragt haben. Sie hat ein enormes Talent und wollte uns helfen, da sie selbst GLITTERTIND-Fan ist.
Die Strukturen sind inspiriert von mittelalterlichen norwegischen Gemälden, in denen der Rosen-Stil sehr romantisch und perfekt zum Ausdruck kommt. Bei uns sind sie dunkler und zerrissen. Der dunkle Wald in der Mitte wird von einem Sternenhimmel gekrönt, die Bäume ragen wie Zähne in diesen hinein. Der Sternenhimmel könnte das Gefühl von innerer Leere symbolisieren. Ich mag zudem die Referenz an Van Gogh im Sternenhimmel. Keine Frage, wir bewegen uns hier am Rande des Wahnsinns. Wir sind sehr zufrieden mit Lindas Arbeit!

Was steht als Nächstes für GLITTERTIND an? Wie definiert Ihr dieser Tage „Erfolg“ angesichts zurückgehender Verkäufe und eines Überschusses an Metal-Veröffentlichungen?


Wir werden einige Metal-Festivals im Frühjahr 2014 heimsuchen, etliche Städte abklappern und hoffentlich auch noch auf einigen Sommer-Festivals spielen. Wir möchten natürlich auch auf den Kontinent und in ganz Europa auftreten. Welchen größeren Erfolg kann es geben, als Musik, Bier und großartige Leute, die großartige Geschichten schreiben, die man später den eigenen Kindern erzählt – oder auch nicht? Das wird ein Traum, der für uns wahr wird.

Wie ist Deine generelle Wahrnehmung des Folk Rock / Metal? Würdest Du zustimmen, dass Dänemark mit Bands wie Valravn, Euzen und Huldre auf dem Vormarsch und dass zudem das zweite Myrkgrav-Album absolut überfällig ist?

Es gibt so viel großartige Musik dort draußen! Es war noch nie besser. Wir haben mit Valravn 2010 zusammen gespielt, die machen tolle Musik. Und Myrkgrav kenne ich auch und warte darauf, das nächste Album zu hören.

Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast; ich hoffe, GLITTERTIND wird bald Trolle und Huldren südlich von Skandinavien in Ekstase versetzen – Glück auf!

Danke für das Interview.

Thor Joakimsson (Info)
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