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Grobschnitt: Illegal (1981) – „Black & White“-180g-Vinyl-Serie (Review)

Artist:

Grobschnitt

Grobschnitt: Illegal (1981) – „Black & White“-180g-Vinyl-Serie
Album:

Illegal (1981) – „Black & White“-180g-Vinyl-Serie

Medium: Download/Do-LP/Deluxe/LP farbig/Remaster
Stil:

Progressiv verkrauteter Deutschrock

Label: Universal Music/Vertigo/Brain
Spieldauer: 92:54
Erschienen: 16.03.2018
Website: [Link]

„KRAUTFUL DEAD – Jede Sparte der Rockmusik hat ihre Größen: Die ROLLING STONES sind die Könige des Rock‘n‘Roll, die GRATEFUL DEAD die Götter des Acid Rock, und die unbestrittenen Herrscher des Deutschrock kommen aus Hagen und heißen GROBSCHNITT...“
Dieses Zitat von Gregory Beck aus dem Jahr 1989 konnte man noch ganzseitig auf dem LP-Einleger der „Black & White“-Vinyl-Serie zu „Volle Molle“ lesen. Doch dabei gingen zu dem Zeitpunkt im Grunde Recht und Unrecht Hand in Hand!

Natürlich waren und sind GROBSCHNITT eine absolute musikalische Ausnahmeerscheinung großartigen, unübertroffenen, extrem facettenreichen Krautrocks aus Deutschland!
Aber Deutschrock?
Nein, nicht wirklich.
Weil zu „echtem“ Deutschrock eben auch deutsche Texte gehören und die zählten als eigenständige Komposition (Auch wenn von „Jumbo“ bereits neben der englischen Originalfassung eine in die deutsche Sprache „übersetzte“ Variante existierte!) einfach nicht zum GROBSCHNITT-Repertoire. Das aber sollte sich (Endlich!) mit einem Song auf ihrem 1981er-Album „Illegal“ – der nunmehr nach „Volle Molle“ zweiten Veröffentlichung im Rahmen des dritten Teils der „Black & White“-Vinyl-Serie – maßgeblich ändern. Gerade der Titelsong des Albums bekam einen hervorragenden, maßgeschneiderten deutschen Text, der sich noch dazu auf eine wahre Begebenheit bezog, auf den musikalischen, nach wie vor krautrockigen, experimentell-verspielten, voller überbordender Effekte versehenen Leib geschnitten. So wurde „Illegal“ ein Ausnahmewerk kunstvoller, progressiver deutschsprachiger Rockmusik, das in den Top Ten der Deutschrock-sprachigen Vergangenheit und Gegenwart (des Kritikers) landet(e), von denen tatsächlich die meisten Werke – auch ihrer geheimnisvoll verklausulierten, sich einer Diktatur widersetzenden Zwischen-den-Zeilen-Lesen-Lyrics – aus dem eingemauerten, zum Zwangsdeutsch singenden Osten kamen, als da wären: „Am Fenster“ von CITY, „Die Sage“ der STERN-COMBO MEISSEN, „Tritt ein in den Dom“ von ELECTRA, „Albatross“ von KARAT, „Meeresfahrt“ von LIFT, „Tagesreise“ der HORST KRÜGER BAND, „Nach der Schlacht“ von RENFT, „Ehrlich will ich bleiben“ (Oder doch „Wer die Rose ehrt“?) von KARUSSELL und dann die zwei deutschsprachigen westdeutschen Meisterwerke, in denen man ohne Angst vor einer unerbittlichen Zensur zur Sache gehen konnte: ANYONE‘S DAUGHTER mit „Tanz und Tod“ sowie eben dieser faszinierende, grenzüberschreitende Song „Illegal“, der mit ganzer Sprachgewalt einen deutschen Text präsentierte, der auch heute noch seinesgleichen sucht!

Unter diesem Aspekt ist für den Kritiker aus Ostdeutschland völlig unverständlich, warum bei einigen Fans und „Experten in punkto progressiver Rockmusik“ aus Westdeutschland es immer wieder als eine Art „musikalisches Schwerverbrechen“ gilt, Texte in seiner Muttersprache zu veröffentlichen. Gerade dieser Versuch von GROBSCHNITT auf „Illegal“ war – übrigens noch deutlich vor dem Erfolg der Neuen Deutschen Welle – vorbildhaft und mutig … und brachte ihnen mitunter gerade darum so einige boshafte Kritiken zu „Illegal“ ein. Völlig grundlos, denn GOBSCHNITT wollten sich offensichtlich auch in das makabere politische Geschehen in Deutschland einmischen (In dem Falle greifen sie in ihrem Text das makabre Vorgehen der Behörden gegen eine Musikgruppe auf, die in einer Fußgängerzone der Dortmunder Innenstadt ohne Genehmigung die „Frechheit besaß“, unangemeldet zu musizieren!), ohne dabei lehrerhaft mit erhobenem, intellektuellem Zeigefinger daherzukommen, sondern vielmehr mit geballter Faust einem frontal auf die Zwölf zu ballern. Hier brach erstmals der echte „Ballermann“ direkt auf die „Volle Molle“ aus GROBSCHNITT heraus.
Und – welch Wunder – auch auf dem LP-großen „Illegal“-Einleger (aufklappbar mit zwei ganzseitigen GROBSCHNITT-Fotos) Nummer 1 kann man auf der Rückseite wieder genau das am Anfang dieser Kritik verwendete Zitat lesen. Der zweite LP-Einleger, sogar 8 LP-große Seiten stark, enthält jede Menge Bilder, Zeitungsartikel (Von denen einer wohl aus Versehen gleich doppelt auftaucht – also viel Spaß beim Suchen! Außerdem findet man dabei gleich noch einen Artikel, in dem konkret über die „wahren Vorkommnisse“ berichtet wird, die zu dem Text von „Illegal“ führten und den sie aus lauter Ärger darüber extra auf Deutsch schrieben.), Erinnerungen der Musiker usw. Klappt man die LP-Hülle auf, befinden sich darin auch noch alle Texte sowie ein großes Schwarz-Weiß-Foto der Band – und natürlich auch der Download-Code im Inneren steckt dort, wo sich die Schwarz-Weiß-LPs in fein gefütterten Schutzhüllen befinden.

Die GROBSCHNITTigen Siebziger waren nun mal vorbei, die Achtziger sollten direkter klingen und nicht nur mit Rockpommels Vogel Maraboo in Richtung Sonnenfeuermusik fliegen, dafür in englischer und deutscher Sprache klar Stellung zu den unterschiedlichsten Themen beziehen. Kurzer und knackiger, aber vorerst keinesfalls schlechter.
„Illegal“ wird daher aus diesem straighter rockenden Blickwinkel zum vielseitigsten und überraschendsten Album von GROBSCHNITT – gerade weil die Band darauf ihre krautrockig-progressive Vergangenheit nicht verleugnet, sondern sie mit der Moderne musikalisch, sound-technisch und textlich kongenial vereint und zusätzlich verstärkt auch akustische Instrumente mit ins Spiel bringt. Aus dem Munde von Gitarristen LUPO klingt das dann folgendermaßen zu „Illegal“:
Wir hatten zu der Zeit Lust auf etwas Neues und wollten weg von den klassischen GROBSCHNITT-Songstrukturen vergangener Jahre. Mit Milla Kapolke kam für Hunter zudem ein neuer Bassist in die Band und fügte sich durch seine impulsive Spielweise sofort gut ein. Die fast ein Jahr dauernde Produktion in der bandeigenen Studioscheune auf dem Bauernhof in Sprockhövel hat uns trotz aller Anstrengungen gut getan, weil wir zum ersten Mal überhaupt völlig ohne Zeitdruck arbeiten konnten. Parallel zu den Aufnahmen entwickelten wir auch schon neue Showideen für die abschließende Illegal-Tour, die eine der erfolgreichsten in der GROBSCHNITT-Geschichte werden sollte.“

Die gewonnene Zeit und das bandeigene Studio waren übrigens das Ergebnis eines einzigen, megaerfolgreichen Hits von EROC: „Wolkenreise“. Manchmal kann Musikgeschichte doch so schön und wirklich mal gerecht zugehen! Und so weckt das Instrumental „Silent Movie“ (Letzter Titel der LP-A-Seite) so heimlich, still und leise sowie ganz „illegal“ ein paar atmosphärische Erinnerungen an die Wolkenreise, was zugleich dazu führte, dass auch dieses verträumte Stück bei vielen Radiosendern in Dauerrotation lief.
Genauso wunderschön und verträumt ist dann auch das von akustischer und zerbrechlichem Gesang dominierte „Raintime“, das die schwarze, offizielle Studio-LP abschließt und sich irgendwie eine wenig wie die EAGLES auf ihrer Reise Richtung SIMON & GARFUNKEL klingt, die gerade für „The Boxer“ ein Zimmer im „Hotel California“ mieten wollen. Wunderschön und aus grob geschnittenem Blickwinkel völlig untypisch zugleich.

Ein weiteres Prachtstück des Doppel-Albums ist natürlich, wie im Grunde bei jedem Album der „Black & White“-Serie auf 180g schwerem Vinyl, die weiße Bonus-LP mit Live-Aufnahmen des Jahres 1981, die am 10. April in der Osnabrücker Stadthalle, am 18. April im Berliner Quartier Latin und am 5. Mai in der Essener Grugahalle mitgeschnitten wurden und die EROC erneut in allerbester Sound-Qualität speziell für Vinyl remastert und veredelt hat. Das die A-Seite eröffnende „Mary Green“ erinnert in einigen Momenten gehörig an „Miami Vice“ und wird so zum echten Musik-Krimi (in dem sogar die Polizei auftaucht), wie auch alle weiteren weiß-vinyligen Stücke, die bisher noch nie auf einer LP erschienen sind.

FAZIT: „Illegal“ (1981), ein weiteres musikalisches Meisterstück von GROBSCHNITT, kann man endlich auch im Rahmen der „Black & White-180g-Vinyl-Serie“ völlig legal als ausgezeichnet klingende Doppel-LP mit einer Vielzahl zusätzlicher Beigaben (DL-Code-Kärtchen, zwei LP-große Booklets usw.) erwerben. Und auch der Original-1980-Text in der Innenseite des aufklappbaren Original-Covers zeigt, welch große Bedeutung die Band selber diesem Album beimisst: „Wir arbeiteten Tag und Nacht und sonntags. Einige um uns verstanden das nicht. Wir verschenkten den Sommer – wir lebten das ‚Projekt ILLEGAL‘. Einer von uns lebt nicht mehr. EL BLINDO starb am 2. Juli 1980. Er war sieben Jahre Roadie bei uns. Wir hatten ihn lieben gelernt. Wir widmen ihm kein Album. Es gibt genug solcher Geschmacklosigkeiten. Es ist viel passiert in diesem Jahr. Die LP ist kaum eine(n) = Der Fehler ist tatsächlich so zu lesen. T.K. = dreiviertel Stunde lang.“
Und spätestens jetzt sollte man selbst als Kritiker die Klappe halten und „Illegal“ genießen.
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Thoralf Koß (Info) (Review 783x gelesen, veröffentlicht am )

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  • 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
  • 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
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Tracklist:
  • Schwarze Seite A (21:51):
  • The Sniffer (5:26)
  • Space Rider (4:49)
  • Mary Green (8:21)
  • Silent Movie (3:15)
  • Schwarze Seite B (22:05):
  • Joker (4:54)
  • Illegal (8:13)
  • Simple Dimple (4:42)
  • Raintime (4:16)
  • Weiße Seite C = Live = (26:23):
  • Mary Green (8:50)
  • The Sniffer (8:13)
  • Du schaffst das nicht (9:20)
  • Weiße Seite D = Live = (22:36):
  • Vater Schmidt (10:20)
  • Simple Dimple (5:30)
  • A.C.Y.M. (6:46)

Besetzung:

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Interviews:
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