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Klaus Schulze: Body Love / Body Love Vol.2 (beide 1977) (Review)

Artist:

Klaus Schulze

Klaus Schulze: Body Love / Body Love Vol.2 (beide 1977)
Album:

Body Love / Body Love Vol.2 (beide 1977)

Medium: CD
Stil:

Electronic/Instrumental

Label: MIG Music
Spieldauer: Body Love: 75:10/Vol. 2: 79:27
Erschienen: 16.12.2016
Website: [Link]

„Warum liegt hier überhaupt Stroh rum?“
„Hm, und warum hast du ‘ne Maske auf?“
„Hm, puh, dann blas mir doch einen.“

Das dürfte der bekannteste Porno-“Dialog“ der letzten Jahre sein. In Internetzeiten ist Hardcore nur selten mehr als willkürlich zusammenmontierte Körperertüchtigung. Vor einer Kamera, die auch von einem gelangweilten Schimpansen bedient werden könnte. 1976 war das noch anders.

Zelluloid kam zum Einsatz, die Filme hatten einen szenischen Aufbau, ein Drehbuch gar; es gab Dramen („The Image“ alias „The Punishment of Anne“), Komödien („Debbie Does Dallas“), psychedelische Kunstfilme („The Devil in Miss Jones“, „Behind The Green Door“), Literaturverfilmungen („Alice In Wonderland“, „Through The Looking Glasss“; „The Opening of Misty Beethoven“ orientiert sich an „My FairLady“/„Pygmalion“), Krimis wie den düsteren Psychothriller „Waterpower“, den „Taxi Driver“ des Hardcore-Genres, oder Horror („Memories Within Miss Aggie“).

Die Werke liefen, wie ihr berühmtester Vertreter „Deep Throat“, in Filmtheatern und Filmkunst-Kinos und wurden mit dem wohlmeinenden Etikett „Porno Chic“ versehen. Regisseure wie Gerard Damiano, Radley Metzger oder Lasse Braun wurden zu bekannten Größen des neu ernannten Genres.

Der 2015 verstorbene Lasse Braun, bürgerlicher Name Alberto Ferro, war Italiener, drehte seinen ersten Kurzfilm Mitte der Sechziger, seine letzte Regiearbeit stammt aus dem Jahr 1999. Seine ersten Erfolge waren „Wet Dreams“ und der erotische Reigen „Sensations“, die Braun bereits als visuell stilvollen Regisseur auswiesen. Permanente Bettakrobatik interessierte ihn nicht, er gönnte sich die Zeit, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Sex als selbstverständliche und stimmige Komponente eingebunden wurde. So vergeht in „Body Love“ eine gute halbe Stunde, bevor der erste Liebesakt zustande kommt. Die junge Catherine Ringer (später Sängerin des erfolgreichen französischen Duos LES RITA MITSOUKO) tanzt, während ihre Mutter (nur echt mit wagenradgroßen Brillengläsern) eine scheinbar verlassene, mysteriöse Villa erkundet. Hier erklingt zum ersten Mal die Musik KLAUS SCHULZEs, die er extra für den Film eingespielt hatte.

Lasse Braun hatte kurz zuvor entdeckt, dass sich seine Darsteller besonders angeregt zu den Klängen von SCHULZEs Album „Moondawn“ ‘bewegten‘, worauf er sich entschloss, bei KLAUS SCHULZE wegen eines kompletten Soundtracks nachzufragen. Als weltoffener Geist sagte der Berliner Musiker zu und bastelte aus dem Engagement zwei Alben, die zu seinen atmosphärischsten gehören. Bei „Body Love“ handelt es sich um den erweiterten Soundtrack, der zweite Part hat nur „Stardancer“ zur Grundlage, alles weitere sind Eigenkompositionen im Stil des Vorgängers. „Vol.2“ besitzt keine eigene Filmzuordnung mehr.

Was Stimmung, Rhythmik und Sound angeht, ergänzt „Body Love Vol. 2“ das Ursprungsalbum aber kongenial. Beide Alben wurden um zwei mehr als zwanzigminütige Bonustracks erweitert, die sich nahtlos ins Geschehen einpassen. „Lasse Braun“ Ist eine Hommage an den Regisseur, „Buddy Laugh (A Rock’n’Roll Bolero)“ hingegen eine Erfindung Klaus Dieter Muellers. Denn der erst rhythmisch treibende, dann frei schwebende Track hat vielleicht irgendwo eine Bolero-Anspielung versteckt, aber Rock’n’Roll findet woanders statt.

Als Filmmusiker steht KLAUS SCHULZE seltsamerweise klar im Schatten seiner Kollegen TANGERINE DREAM. Zwar taucht sein Titel „Freeze“ in Michael Manns „Manhunter“ (wie auch in Sofia Coppolas „The Bling Ring“) auf, doch komplette Soundtracks wie Edgar Froese und seine Mannen schuf er nicht für bekannte Regisseure wie Mann, William Friedkin, Kathryn Bigelow, Ridley Scott („Legend“, die amerikanische Version) oder Bobby Roth. Stattdessen gibt es etliche Arbeiten fürs Fernsehen, einen „X“-Aderlass für den bestenfalls zweitklassigen „Der Weiße Hai“-Verschnitt „Barracuda“ oder Gruseliges in ähnlicher Kategorie mit „Montclare - Erbe des Grauens“ („Next of Kin“). Am bekanntesten dürfte das starke Album „Angst“ sein, das er für den österreichischen Film gleichen Namens einspielte (enthält ebenfalls oben genanntes „Freeze“). Und dann gibt es eben „Body Love“, das eindrücklich zeigt, dass sich KLAUS SCHULZEs Musik in jedem Genre passend einsetzen lässt.

Natürlich gibt es auf beiden Alben keine wattebauschigen Schlafzimmermelodien zu hören, SCHULZE spielt wieder eine Mixtur aus weitgespannten, flächigen Bögen, lässt die Sequenzer rege springen und bekommt, wie so oft, rhythmischen Rückhalt von Trommler Harald Großkopf, den KLAUS SCHULZE völlig zu Recht in den Liner Notes in den höchsten Tönen lobt.

Im Zentrum beider Alben steht der „Stardancer“, einer von SCHULZEs bekanntesten Tracks und vor allem in den USA ein Riesenerfolg. Hier führt die Ursuppe des Techno einen faszinierenden Tanz auf. Blue Movie-Musik, die nach flirrendem Beginn tempo- und taktmäßig anzieht, damit nicht nur fürs Bett sondern auch für entsprechende Momente auf der Tanzfläche geeignet ist.

Der Soundtrack verleiht Lasse Brauns Film etwas Dunkles, Geheimnisvolles. Es würde nicht wundern, wenn das Grauen sich seine Bahn schlagen würde ins Körperflüssigkeiten austauschende Liebesgeräkel. Und doch passt die Musik zur bloßen erotischen Szenerie, umwebt sie aber mit einem Trauerflor, der die Bildern um eine zusätzliche Tiefe ergänzt, die sich in den folgenden Jahren nahezu komplett aus Hardcorefilmen verabschieden wird. Bis Regisseure von außerhalb des Metiers sie wieder für sich entdecken und zurückbringen. So wie Lars von Trier, Catherine Breillat, Michael Winterbottom, Vincent Gallo und andere. Leider hat keiner von ihnen bei KLAUS SCHULZE nach der musikalischen Begleitung gefragt.

FAZIT: In den Siebzigern schien vieles mögliches, angesichts neu entdeckter Freiheiten wurden Grenzen aufgebrochen, auch filmischer Natur. Der Pornofilm fand sich auf einem im Arthouse-Kino wieder. Lasse Braun, einer der begabtesten Vertreter des sogenannten Porno-Chics entdeckte die Musik KLAUS SCHULZEs für seinen Film „Body Love“. Und der Musiker schuf ohne Berührungsängste einen beeindruckenden Soundtrack samt Erweiterung.
Die Abkehr vom fast eingefrorenen „Mirage“-Zustand hin zu mehr Bewegung und Aktion, ohne die eigenen Trademarks auch nur ansatzweise zu verraten. Sowohl „Body Love“ wie „Body Love Vol. 2.” gehören ohne Abstriche in jede gut sortierte KLAUS SCHULZE-Discothek.

Wie gewohnt der Hinweis, dass die aktuellen MiG-Ausgaben identisch sind mit denen von InsideOut („Revisted“-Reihe) aus den Jahren 2005 („Body Love“) und 2007 („Body Love Vol. 2“). [Album bei Amazon kaufen]

Jochen König (Info) (Review 783x gelesen, veröffentlicht am )

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Tracklist:
  • Body Love:
  • Stardancer
  • Blanche
  • P.T.O.
  • Lasse Braun (Bonus Track)
  • Body Love Vol. 2:
  • Nowhere - Now Here
  • Stardancer II
  • Moogetique
  • Buddy Laugh (A Rock'n'Roll Bolero) (Bonus Track)

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
Kommentare
Banny
gepostet am: 12.04.2017

User-Wertung:
15 Punkte

sehr gut geschrieben und auch sehr gute Alben und
Meisterwerke !
Ebenso wie Timewind, Moondawn, Mirage und X !!
The Bishop
gepostet am: 14.04.2017

User-Wertung:
15 Punkte

Fast perfekte Rezension, da kennt sich jemand sowohl bei Meister Schulze, als auch im Film-Metier exzellent aus. Einzig den Hinweis, dass sich die verschiedensprachigen Versionen des Films musikalisch unterscheiden, vermisse ich...kann aber natürlich auch nur jemand wissen, der "Body Love" in englisch, deutsch und französisch kennt und minutiös vergleicht.
Und dass im Film "Angst" nur ein einziges Stück des Albums ANGST vorkommt ("Surrender"), scheint dem Rezensenten auch noch niemand geflüstert zu haben...
Jochen [musikreviews.de]
gepostet am: 14.04.2017

User-Wertung:
12 Punkte

Danke für die Zusatzinfos, Bishop. "Body Love" habe ich seinerzeit tatsächlich ohne die Musik Schulzes gesehen. Habe aber während der Recherchen zur Rezension keine Infos über die anderen Varianten gefunden, deshalb ist es draußen geblieben. Ich habe eine zeitlang geglaubt, ich habe es mit "Sensataions" verwechselt, deshalb freue ich mich, dass du bestätigst, dass meine Erinnerung nicht trügt. Da Klaus Schulze als Soundtrackkomponist angegeben ist, das "Angst"-Album als Soundtrack vermarktet wird, habe ich deine Info in diesem Rahmen für unterschlagbar gehalten. Schön, dass du es trotzdem ergänzt hast.
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