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Klaus Schulze: Dig It (1980) (Review)

Artist:

Klaus Schulze

Klaus Schulze: Dig It (1980)
Album:

Dig It (1980)

Medium: CD+DVD
Stil:

Electronic/Instrumental

Label: MIG Music
Spieldauer: CD: 77:28/DVD: 65:40
Erschienen: 30.09.2016
Website: [Link]

"...gewinnt seine Musik einen penetranten Wirklichkeitsaspekt: sie wird zum idealisierten - ja apologetischen - Abbild der andauernden Technisierung, bringt gewissermassen den "Fetisch Maschine" auf seinen zeitgemäßen musikalischen Ausdruck. [...]"

Beginnen wir ausnahmsweise mit der Bonus-DVD, einer visuell nicht prickelnden Aufzeichnung der „Linzer Stahlsinfonie“, die KLAUS SCHULZE 1980 zur Eröffnung der „Ars Electronica“ in (na wo wohl?) Linz aufführte. Bereits die Besetzungsliste ist ein Quelll wahrer Freude, in der KLAUS SCHULZE als Teil einer ganz besonderen Combo auftaucht:

Tommy Betzler (Schlagwerk)
Adolf Gabriel (1. Ofenmann, Hochofen IV)
Ferdinand Hieslmair (Vorwalzer, Steuerstand IV; Breitbandstraße)
Walter Obermühlner (Kontrollor, Scherenstraße Kaltwalzwerk II)
Klaus Schulze (Elektronikmusiker)
Erich Slavik (Flämmer, Flämmerei im LD-Stahlwerk III)
Franz Stütz (Steuermann, Drückbank in der Schmiede)
Helmuth Wagner (1. Tiegelmann, Tiegel-Plattform – LD-Stahlwerk)

"How many Volts has your equipment?"

Das ergibt eine Mixtur aus elektronischer Musik plus Schlagzeug, im großen Saal des Brucknerhauses eingespielt, und Maschinenklängen aus dem Stahlwerk der VOEST-AlLPINE, angedacht als stadtweite Beschallung.

Ein grundlegender Meilenstein wahrhafter Industrial-Music. Eine Stunde lang verbindet sich Maschinenlärm und die mal breitflächige, mal rhythmisch akzentuierte Musik Schulzes zu einer meditativen, leicht verklärenden Reise in den Alltag im Industriezeitalter. Zum Abschluss kommen die beteiligten Arbeiter auf die Bühne und KLAUS SCHULZE gönnt ihnen im Mittelpunkt zu stehen, den sie mit unbeholfenem Charme genießen. Oder ihren Fluchtrieb unterdrücken. Auch wenn die meisten aktuellen Presseberichte (laut Wikipedia-Eintrag zu KLAUS SCHULZE) eher negativ waren, kann man das Experiment als gelungen betrachten. Maschinenpark, Improvisationen im Fluss und schwelgerische Synthesizer-Romantik werden stimmig in Übereinkunft gebracht.

"Klaus Schulze, der Liedermacher?“

„Dig It“ ist das erste Album KLAUS SCHULZEs, das „im“ Computer entstand. Wenn man Wikipedia trauen darf, ist es „das erste vollständig digital produzierte Album überhaupt“. Die Musik klingt entsprechend klar, doch – vielleicht auch altersbedingt – nicht klinisch. Die treibende Rhythmik, bei „Death Of An Analogue“ mit dem „echten“ Schlagzeuger Fred Severloh, Schulzes Vocoder-Gesang und die relativ kompakte Länge der ersten drei Stücke machen „Dig It“ zu einer der songorientiertesten Werke Schulzes. Auf „The Looper Isn’t A Hooker“ baut er sogar den Loop eines kurzen IDEAL-Schlagzeugparts ein. IDEAL wurden auf KLAUS SCHULZEs IC-Label verlegt, aber eher dank der intensiven Bemühungen Klaus Dieter Müllers, denn Schulze fand die Band anfangs nicht so toll.

"a drummer from Berlin who began his career a few years ago with melodic pop and techno"

Die ersten drei Stücke sind ein kleiner Verweis, warum KLAUS SCHULZE gerne mal mit der Entwicklung von Techno in Verbindung gebracht wird, zumindest der Abteilung, die tranceartige Klänge zulässt. Wobei die Rhythmik auf „Dig It“ wesentlich abwechslungsreicher und verspielter ist als im gemeinen Techno-Tempel. „Death Of An Analoguder“ und „Weird Caravan“ sind zwei dramaturgisch ungemein spannend aufgebaute Tracks, Highlights der beginnenden digitalen Phase des Musikers. Das folgende „The Looper Isn't A Hooker“ und der zeitmäßige Austreißer „Synthasy“ fallen kaum ab. „Synthasy“ versöhnt den Analog-Fan mit langem Atem, genügend kosmischen Klängen zum dagegen fast hektischen Treiben vorher. Aber vom beinahe statischen „Mirage“-Ruhepol ist der Zwanzigminüter schon ein gutes Stück entfernt.

"Kraftwerk-Mann KLAUS SCHULZE läßt es auch solo wabern und rauschen."

Folgt noch der fast halbstündige Bonustrack mit dem ironischen Titel „Esoteric Goody“. Wobei Esoterik-Fans nicht glücklich werden dürften mit dem beständigen „wabern und rauschen“, dem freien Treiben, das erst peu a peu an Struktur gewinnt, dann wieder auseinanderbricht, um am Ende wieder zum sehnsuchtsvollen Hinübergleiten in phantastische Welten einzuladen. Ein bisschen zerfasert das Ganze, doch als Ergänzung zum Abschluss eines Neubeginns höchst passend. Sowohl goofy wie goody.

FAZIT: "Bei Tangerine Dream war KLAUS SCHULZE der Mann hinter meterhohen Keyboard-Türmen, Tastaturen und Oszillographen, versunken in ein tiefes Meer aus Klängen. 'Blubberkönig' wurde er darum genannt [...]"

Ja, der Blubberkönig. Der bei TANGERINE DREAM natürlich nur (kurz) als Schlagzeuger tätig und niemals bei KRAFTWERK war, lässt es auf „Dig It“ gar nicht so viel Blubbern. Stattdessen ein Erproben der Möglichkeiten, die Digitalaufnahmen bieten. Konzentrierte, rhythmisch stark ausgeprägte Stücke, die trotzdem wohlige Wärme nicht komplett außen vor lassen. Ergänzt wird das hervorragende MIG-Re-Release um die „Linzer Stahlsinfonie“-DVD, die klanglich und visuell zwar kein Highlight darstellt, aber inhaltlich und zeitgeschichtlich voll überzeugt.

An der feinen Ausstattung des Digipaks samt opulentem Booklet stört nur der öde FSK-Hinweis, der fest ins Cover implementiert ist. Schön zu wissen, dass man sich die DVD mit seinen kleinen Kindern anschauen darf.

"Wo hört Pop auf und wo fängt die elektronische Musik an? Eine derartige Fragestellung ist für Bernard Schulzes Intentionen bezeichnend..."

Welche Intentionen die Presseerzeuger der eingefügten Zitate/Überschriften umtrieb, möchte man gar nicht wissen. Wer über den heutigen Journalismus schimpft, sollte bedenken, dass früher auch nicht alles gut war. Von besser ganz zu schweigen. Zu finden sind die Ergüsse zu „Bernard Schulze“ und Co. in der lesenswerten Rubrik „Absurdities“ HIER auf KLAUS SCHULZEs Homepage.

Einen noch, weil es so schön ist:

"Klaus Schulze mit neuem Techno-Album - VON GURUS MISSBRAUCHT" [Album bei Amazon kaufen]

Jochen König (Info) (Review 1305x gelesen, veröffentlicht am )

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Tracklist:
  • CD:
  • Death Od an Analogue
  • Weird Caravan
  • The Looper Isn’t A Hooker
  • Synthasy
  • Esoteric Goody (Bonustrack)
  • DVD:
  • Linzer Stahlsinfonie

Besetzung:

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