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Interview mit Night In Gales (10.02.2018)

Night In Gales

Als Kind des Sauerlands, das Mitte der Neunziger, endlich motorisiert, die Metal-Unterwelt vor der Haustür – sprich: im Ruhrgebiet – zu entdecken begann, erinnere ich NIGHT IN GALES mit nostalgisch verklärter Aufbruchstimmung: Zunächst traf ich einige der Musiker auf dem Parkplatz der Zeche Carl, wo ich vor Konzerten mein Fanzine verhökerte. Bald darauf landete mit "Sylphlike" eine Mini-CD in meinem Briefkasten, die weithin gefeiert wurde. Es folgten drei beim Branchen-Primus veröffentlichte Alben, Interviews mit der Band führte ich derweil für Kiosk-Magazine. Dann verlor ich das Quintett aus den Augen, bis mich "Five Scars" Ende 2011 absolut aus den Socken haute – ein Neustart sondergleichen: vor Energie und Spielfreude nahezu berstend, abwechslungsreich, aggressiv und so melancholisch, dass es mich bis heute beim Hören packt. Das lag nicht zuletzt an der starken Darbietung von Sänger Björn Gooßes, welcher die Band rund ein Jahr später verließ – sollte es das etwa schon wieder gewesen sein?

Nicht, wenn es nach der übrigen Band geht. Diese ließ sich Zeit, gab sich geheimniskrämerisch, und begrüßte schließlich mit Christian Müller ihren ersten Sänger 20 Jahre nach seinem Ausstieg zurück an Bord. Das neue Album "The Last Sunsets" rechtfertigt also die eine oder andere persönliche Frage abseits des üblichen Promo-Gelabers…

Zunächst mal Glückwunsch in die Runde zu einem erneut starken Album, das ich trotz des überragenden "Five Scars“"nicht unbedingt erwartet hätte! Weder die lange Pause seit den letzten Aufnahmen, noch der Wechsel am Mikro scheinen Euch daran gehindert zu haben, "The Last Sunsets" sehr konzentriert in Angriff zu nehmen. War Euch nach dem Ausstieg von Björn klar, dass Ihr weitermacht, und lag es auf der Hand, Christian als Sänger zu reaktivieren?

Tobias: Grüß Dich Thor, lange nichts mehr voneinander gehört! Zunächst war es keine Frage, ob wir weitermachen, sondern eher wie wir weitermachen wollen. Dann kam es auf einen Sänger an, denn wir hatten mehrere Vakanzen für den Sängerposten.

Jens: Wir hatten es generell nicht so eilig. Als jedoch klar war, dass Cristian es machen würde, ging es mit dem Songwriting sehr rasch voran, da dies die plötzlich die spannende Möglichkeit darstellte, erstmals wirklich an "Sylphlike" anzuknüpfen.

Tobias: Mit Christian meinen persönlichen Favoriten zu reaktivieren, war kongenial. Er wird den Bedürfnissen und den Vorstellungen der Band gerecht und ist seinerseits zufrieden. Zudem haben wir uns nie aufgelöst, wie ich gestern Abend fälschlicherweise im Radio gehört habe.

Ihr habt mit Euren ganzen Ankündigungen im Vorfeld der Veröffentlichung die Spannung schön in die Höhe getrieben, so dass ich Euch zwischendurch mal schrieb, Ihr sollte lieber mal allmählich die Platte raushauen! Wart Ihr einfach so begeistert über die Beiträge der verschiedenen Gastsänger, oder war das eine ausgeklügelte Strategie, um die Meute extra auf die Folter zu spannen?

Jens: Die Gastsänger konnten wir schon so früh bekanntgeben, da sowas vom Signing unabhängig ist. Erst Monate nachdem das Album gemastert war, haben wir bei Apostasy unterschrieben. Erst danach konnten wir Details zur Veröffentlichung ankündigen.

Im Vergleich zu "Five Scars" wirken die neuen Songs insgesamt weniger melancholisch, dafür jedoch giftiger – passend zu den Schlangen in der Rechten des Todesboten auf dem Cover. Hatte sich genügend Frust angestaut, der rausgeschrubbt und -gehämmert werden wollte?

Tobias: Wenn es sich für dich so anfühlt, klingt das super. Jens hat die Songs im Alleingang geschrieben und das, was dabei im Endeffekt herausgekommen ist, haben wir zusammen aufgenommen. Meine Wenigkeit hat das Beste gegeben, um meinen Beitrag zu leisten. Alles lief sehr entspannt und es war einfach ein natürlicher Prozess, wie die Dinge ihren Lauf nahmen. Wir haben das gemacht, worauf wir am meisten Lust haben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Jens: Es ist diesmal einfach eine kompromisslosere Herangehensweise gewesen. Die Arrangements und Strukturen sind zum Teil unkonventioneller und mutiger als auf dem Vorgänger ausgefallen, und die Gitarren sowie der Gesang sind etwas punkiger draufgehämmert worden als wir das früher gemacht haben. Mein Ziel war, durch weniger Planung das ursprüngliche Gefühl der Anfangstage einer Band erneut hervorzuzaubern, was überraschend gut geklappt hat. Viele Gitarrenspuren stammen noch aus den Demoaufnahmen der Songs und sind waschechte "First Takes", die im Schreibemoment aufgenommen wurden und bis zum Schluss einfach draufgelassen wurden. Ich wollte mal gucken, ob sowas überhaupt jemand merkt.

"Circle Of Degeneration" ist mein aktueller Fave vom neuen Album, auch wenn Ihr den Song leider "nur" ausfadet – mal ehrlich: Da wäre fast noch ein wenig mehr drin gewesen…?

Jens: Der Song endet ganz bewusst recht ähnlich ruhig, wie er beginnt. Das hat sich beim Schreiben so ergeben und ich fand es so völlig cool. Man ist als Komponist bei zehn relativ rasch entstandenen Nummern manchmal sogar richtig froh, wenn einem so untypische Songs wie dieser zufallen. Das bringt Abwechslung aufs Album, ganz wichtig! Im Nachhinein passt diese Start/Schluss-Beziehung super zum Text des Tracks: Der "Circle Of Degeneration" ist natürlich ein geschlossener Kreis.

Tobias: Freut mich, dass dir der Song besonders gefällt. Bei mir ist das so, dass ich keinen Fave in diesem Sinne habe, da an verschiedenen Tagen und Durchläufen durchaus die favorisierten Songs wechseln können. Für mich ein Prädikat für ein besonders gutes Album.

Die Gitarren gegen Ende von "Dark Millenium" scheinen mir wie ein entfernter Nachhall der Sauerländer Kultband, dazu tritt auch noch Christian Mertens als Gastsänger auf – wie kam es zu alledem?

Jens: Haha, das ist echt alles Zufall diesmal. Die musikalische Nähe muss tatsächlich reiner Zufall sein und ist mir so auch gar nicht aufgefallen. Muss ich mal nachhören, was du da meinst. Muss dann ja ein Superding sein da am Ende, haha. Ich mag die Band seit dem Debut und vor allem das „Diana Read Peace“ Album ist ganz großes Kino. Mertens singt auf zwei anderen Tracks: „The Last Sunsets“ und "Kingdom Of The Lost". Der Songtitel stand lange bevor wir planten, Mertens als Gastsänger anzusprechen.

Überhaupt erweckt Ihr den Eindruck, mit "The Last Sunsets" einigen Eurer Idole eine Bühne bieten zu wollen, um zu zeigen, dass die "alten Säcke" noch Gift und Galle spucken können; und Ihr wiederum könnt Euch darauf verlassen, dass der für Mix und Master verantwortliche Tausendsassa es knallen lassen wird. Stand überhaupt jemand anderes als Dan Swanö für den Job zur Debatte?

Tobias: Stimmt, wir wollten ein paar unserer "alten" Heroes als Gastsänger auf dem Album haben. Dass es so einfach funktioniert hat, reiht sich in den gesamten Entstehungsprozess des Albums ein. Die Wahl von Dan Swanö war für uns von vornherein klar. Er lebt mittlerweile in unseren Breitengraden nicht weit von uns entfernt, und wir haben uns näher kennengelernt. Eine bessere Situation kann man nicht haben.

Jens: Du hast mit den Gastschreiern aber echt Recht. Dies sind die drei großen deutschen Death-Metal-Stimmen, und wir sind stolz, sie alle auf dem neuen Album dabei zu haben. Ich meine, ich war ca. 14 Jahre alt, als ich damals bei Torchure vor der Bühne stand. Der Martin konnte einem mit seinem Gebrülle echt Angst einjagen und kam mir total krass vor. Ich hatte dreitausend Mal das Tour-Shirt in der Schule an. Heute telefoniere ich mit ihm in der Badewanne und er lädt uns zum Umtrunk in seine Kellerbar ein, haha. Zeiten ändern sich…

Übrigens finde ich "The Passing" extrem gelungen, weil es so einen gewissen Vibe transportiert, der mich gleich an frühe Dark Tranquillity und Ulver erinnert, und atmosphärischen Zwischenspiele wie "Cessation" sind heute zu selten auf vergleichbaren Alben zu hören. Denkt Ihr bei NIGHT-IN-GALES-Kompositionen grundsätzlich im Album-Kontext, oder könnt Ihr Euch auch vorstellen, zukünftig einzelne Lieder zum Download und Streamen anzubieten, anstatt lange an einem größeren Werk rumzubasteln?

Tobias: Ich denke, wir haben bisher noch nie darüber gesprochen oder über eine solche Option nachgedacht, oder, Jens?

Jens: Ich schon, und zwar mit dem Ergebnis, dass es nicht in Frage kommt, weil nur ganze Alben gut sind. Alles andere ist Pop und Kommerz. Die instrumentalen Interludes habe ich am Schluss der Mixphase noch spontan beigesteuert, da ich schon immer Alben mochte, die sowas zur Auflockerung und ebenso bewusst für mehr Dynamik und Dramaturgie enthielten, allen voran natürlich "Blessed Are The Sick".

Costin Chioreanu ist für "The Last Sunsets" ein feines Artwork gelungen, das nicht nur bis auf die Knochen metallisch wirkt, sondern farblich und kompositorisch an "Towards The Twilight" und somit an Euer wohl erfolgreichstes Album erinnert – Absicht oder Zufall?

Tobias: Ja, das finde ich auch, dass Costin Chioreanu ein feines Artwork gelungen ist. Das mit der Farbwahl war in jedem Fall ein längeres Diskussionsthema. Letztendlich hat sich die Mischung von "Syphlike" und "Towards The Twilight" farblich durchgesetzt. Total demokratisch abgestimmt.

Jens: Ich finde es sehr wichtig, dass auch die Cover Artworks eine rote Linie einer Band verfolgen. Das wir musikalisch zu den Wurzeln zurückkehrten, sollte natürlich auch auf dem Cover zu sehen sein. Die Farben am Firmament sind sehr bewusst eine Mischung der Farben von "Towards The Twilight" und "Sylphlike".

Jens hat offenbar erkannt, wie leicht ich bei der Review-Punktevergabe durch Kleiderwahl zu manipulieren bin, und angesichts eines Afflicted-Shirts kann ich natürlich gar nicht mehr kritisch bleiben, sondern mein Verstand setzt aus, wenn ich an diese verrückte Truppe denke! Welche Bands vermisst Ihr besonders?

Jens: Afflicted, Seance, Torchure, Eucharist, Xysma, Demigod, vor allem aber natürlich Edge Of Sanity. Und ganz viele Bands vermisse ich, obwohl Sie schon zwei Comeback-Alben veröffentlicht haben, haha.

Tobias: Genau, und es natürlich noch viele viele andere wie zum Beispiel Death.

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis reihe ich mich mit chronisch lädierter Wirbelsäule in die Riege offenbar nicht mehr ganz taufrischer Metaller ein, denen das Headbangen ärztlich untersagt ist. Wie sieht’s bei Euch aus, und könnt Ihr über erste Anzeichen von "Mittelalter" noch lachen?

Tobias: Hä, Mittelalter? Ich treibe Sport und fühle mich noch ziemlich fit - alles andere klingt erstmal für mich klingonisch und ich kann kein klingonisch, haha... Mal im Ernst, hier und da zwickt es auch bei mir, aber jeden Tag, den ich gesund aufstehe, denke ich daran, wie schön das ist. Hoffentlich bleibt das noch sehr lange so.

Jens: Ich hatte kürzlich tatsächlich erste Rückenprobleme und tue rein gar nichts für meine Gesundheit, aber dafür eine Menge dagegen. Die 70 Minuten Gloryful [Jens‘ Power-Metal-Band] kürzlich waren schon fast gefährlich.

Ihr klingt ja wie erwähnt ziemlich angriffslustig. Welche gemeinsame Perspektive habt Ihr aktuell vor Augen: Noch mal alles mitnehmen, was geht, oder ist klar, dass Euch für NIGHT IN GALES nicht mehr so viel Zeit – und Energie? – wie früher zur Verfügung steht?

Tobias: Wir stehen alle im festen Job und arbeiten viel. Auch neben der Musik hat jeder sein eigenes belebtes Leben. Das ist auch gut so. Leider müssen wir deswegen unsere Liebe zur Musik immer wieder zurückstellen. Am Ende des Tages müssen wir alle alleine unseren Lebensunterhalt finanzieren. Ja, wie früher ist das alles nicht mehr.

Jens: Touren kosten heute auch weitaus mehr Geld als damals, und man ist einfach viel stärker eingebunden in den Job, das stimmt.

Im Rückblick auf “Sylphlike” erinnere ich eine ungeheuer positive Aufbruchstimmung: Eure Mini-CD wirkte für damalige Underground-Verhältnisse bemerkenswert professionell, und Euer Debut war bald in vieler Mund. Nicht nur Fans von At the Gates, In Flames und Dark Tranquillity kamen auf ihre Kosten, sondern Ihr habt auch andere Hörer mit vergleichsweise eingängig krachenden Songs mitgerissen. Wie würdet Ihr diese Phase heute beschreiben – und hat es damals Euch selbst auch mitgerissen?

Tobias: Ich kann mich sehr gut an diese Zeit erinnern. Das hat uns natürlich mitgerissen und es war eine automatische Entwicklung von Motivation und Energie, die sich in uns stetig steigerte.

Jens: Für uns war der Melodic Death Metal damals der willkommene Ausbruch aus engen Death Metal Denk- und Spielmustern. Heute ist das im Grunde andersherum: Wir sind heute konservative Verteidiger des urtypischen Meldodic Death Stils, haha. Kein Witz! Ich meckere sofort rum, wenn Melodic Death draufsteht, aber Metalcore, Schminke oder finnische Keyboard-Solos drin sind.

Ich meine mich zu erinnern, dass mir Björn vor seinem ersten "Heimspiel" als Sänger in der Zeche Carl backstage seine Portion vom Catering überließ, weil ihm vor Aufregung wohl nicht nach essen zumute war. Ich fand es selbst ziemlich krass, dass die Typen, die ich noch kurz zuvor als eingefleischte Fans bei Konzerten getroffen hatte, nun vor In Flames und Borknagar auf die Bühne durften. Zu jener Zeit ist doch sicher auch mal die Phantasie mit Euch durchgegangen, wohin Ihr es mit NIGHT IN GALES bringen könntet, noch dazu mit Nuclear Blast im Rücken…?

Tobias: Absolut, der Traum war da zur damaligen Zeit. Es hat sich anders entwickelt, aber es ist wie es ist.

Jens: Die Phantasie ist ab da ganz sicher stetig mit uns durchgegangen, anders kann man so manche Stilverbiegung und die damit verbundenen existentiellen Risiken für die Band nicht erklären, haha. Aber die Hauptsache ist, dass wir heute zumindest mit der Musik auf "The Last Sunsets" wieder an alte Glanzzeiten anknüpfen und anscheinend eine Menge Fans der ersten Stunde da draußen auf diese Platte gewartet haben.

In den späten Neunzigern musste ich mich hier und da rechtfertigen, wenn ich mich positiv über NIGHT IN GALES äußerte. Ihr wurdet von einigen Hörern mit vermeintlich exquisitem Geschmack mitunter als „stinknormale Metal-Band“ aus dem Pott wahrgenommen, die außer Mucke, Bier und Party nichts im Kopf hat. Sogar einige Leser meinten, dass Ihr in meinem Fanzine eher fehl am Platze wärt, zumal ohnehin zig andere Blätter auch über Euch berichteten. Sind Euch solche Lästereien auch zu Ohren gekommen? Und falls ja, juckte Euch sowas?

Tobias: Hey, was sagst du denn da...?! Nein, nein im Ernst, die Lästereien kennt man natürlich. Man hat schnell ein Gespür dafür, wenn man die Leute immer wieder beobachtet. Jucken kann es einen schon, wenn es ungerecht ist und unter die Gürtellinie geht. Leider hat man immer wieder unter uns Menschen, die einfach lieber lästern oder auch unberechtigte Vorwände aufbringen, ohne sich selbst jemals reflektiert zu haben.

Jens: Es war einiges im Umlauf, wir haben uns aber auch oft mal danebenbenommen oder blieben mit unserem Humor in manchen Teilen der Republik oder Europas schlicht unverstanden. Unsere Musik war aber auch immer etwas anders als die reinrassige Göteborg-Schule. Wir waren einen Ticken näher an der Deutschen Heavy-Metal-Schule à la Helloween und nicht so tief runtergetuned wie die Schweden, zudem hatten wir eine komplett andere Produktion, weil wir uns damals echt sträubten, zu Peter ins Abyss Studio zu fahren, haha.

Verkörpert Ihr eigentlich mit NIGHT IN GALES eine bestimmte – z.B. Ruhrpott- – Mentalität, oder seid Ihr mit dem Siegel "Death Metal der Göteborg-Schule aus Deutschland" zufrieden?

Tobias: Mit diesem Siegel bin ich nicht unzufrieden, weil wir es ja auch von Anfang an gewesen sind und so ein Siegel nicht ohne Grund gegeben wird. Wir sind meines Wissens, zumindest aus Deutschland, die Pioniere, die diesen Stil mit "Sylphlike" vorangebracht haben.
Ich arbeite seit jeher im Bergbau, davon seit Jahren in der Grubenwasserhaltung, und bin verwachsen mit der Bergbaugeschichte – das Synonym für das Wirtschaftswachstum und die Gestaltung des Ruhrgebiets. Wo soll man noch mehr Ruhrpott-Mentalität beigebracht bekommen als im Bergbau unter Tage? Da bin ich auch stolz drauf. Andererseits lebe ich am Rand des Ruhrpotts, eher ländlich und zum Glück habe ich somit beides: Die Ruhrpott-Mentalität in den Nachbarstädten, zugleich die Naturschutzgebiete am schönen Niederrhein, wenn man sieben Minuten Fußmarsch bis zum Rheinufer wohnt.
Musikalisch haben wir mit den anderen Ruhrpott-Szenegrößen wie Kreator, Sodom und dem sogenannten "Teutonen-Thrash" nicht allzu viel gemeinsam.

Zugegeben, "Five Scars" war anno 2011 ein wahrscheinlich nostalgisch inspirierter Spontankauf, von dem ich im Grunde gar nicht so viel erwartete. Mir fiel die CD mit dem vertrauten Logo eher zufällig ins Auge, als ich durch die Regale einer Elektrohandelskette lief, und der vollmundige Werbe-Aufkleber hat dann wohl eben Erinnerungen an unbeschwerte Headbanger-Zeiten geweckt. Umso überraschter war ich seinerzeit von der Wucht, Spielfreude und Vielschichtigkeit, und das Album ist eines meiner meistgehörten der letzten Jahre. Welchen Stellenwert hat die Scheibe für Euch, und was habt Ihr rund um dieses Album gelernt?

Tobias: Es ist Björns Abschiedsalbum und dementsprechend hat es einen melancholischen Anstrich. In punkto Produktion und Songwriting ist es für mich das zweitstärkste NIGHT-IN-GALES-Album. Wir konnten auf "The Last Sunsets" spielerisch und soundtechnisch nochmal eine Schippe drauflegen und es ist meiner Meinung nach in allen Belangen besser geworden.

Jens: Die Scheibe war ein wichtiges Lebenszeichen nach einer viel zu langen Stille, ich glaube das hat Lifeforce damals auch so ähnlich auf den Sticker geschrieben. Ich hätte mir auch 2011 schon eine kompromisslosere Umsetzung der Songs gewünscht, aber das Album ist trotzdem sehr stark und in sich schlüssig. Die Lyrics thematisieren den Weg der Band selbst, der fünf Charaktere zueinander, und dem Ende der Björn-Ära.

Jeder von uns trägt ja seinen Rucksack, der zuweilen etwas schwerer wiegt. Zu Eurem Song "Life Denied" flossen mir in Phasen großer Belastung manches Mal die Tränen und irgendwie hat dieses Lied für mich etwas total Befreiendes – harte Musik mit sozusagen kathartischer Wirkung. Ich schätze, dass wird Euch bei anderen Bands oder Künstlern zuweilen ähnlich gehen, oder?

Jens: Danke, dass ist das schönste Kompliment, das man jemandem machen kann, der versucht, möglichst melancholische Songs zu schreiben. Ich hatte diese Feelings bei Düster-Kapellen als junger Mensch auch, wenn auch nicht in dem Maße. Mittlerweile rührt es mich mehr, wenn ich Manowar oder Thin Lizzy live sehe und ordentlich getankt habe.

Tobias: Das ist in der Tat ein mitreißender Song. Mir passiert das bei der ein oder anderen Band hin und wieder auch, und kann das nachempfinden.

Nun steht am 23. Februar nicht nur die Veröffentlichung von "The Last Sunsets", sondern auch ein Release Gig in Rheine an, zu welchem Ihr einige Freunde eingeladen habt. Habt Ihr etwas Besonderes für den Abend geplant, und würdet Ihr diesbezüglich bereits etwas ausplaudern?

Jens: Wir sind am Tag der Album-Veröffentlichung Special Guest auf der "Revel In Fleshcrawl Tour" und können dort erstmals unser neues Merch und die Alben unters Volk bringen. Eine super Sache.

Tobias: Wir werden uns herrlich lustig besaufen und einen schönen Abend mit hoffentlich vielen alten und neuen Freunden verleben. Ich freue mich jetzt schon, den einen oder anderen guten alten Bekannten zu treffen.

Danke, Jungs, dass Ihr Euch die Zeit genommen habt, danke für die Musik und danke für Euer Dankeschön an alle Verrückten, die Ihr im Booklet von "Five Scars" aufgelistet habt – das hat nicht nur mich echt gefreut! Vi ses!

Tobias: Dank Dir für Deinen Support und dass Du uns interviewt hast - immer wieder gerne!

Thor Joakimsson (Info)
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